Review · 2017

Kaltes Freiwasser, keine Sauna: Gefahr ist der Kälteschock

University of Portsmouth. Die erste Übersichtsarbeit über das gesamte Feld der Kaltwasserimmersion, Gefahr und Anwendung zugleich. Die eigentliche Gefahr ist nicht Unterkühlung, sondern der Kälteschock in den ersten Minuten: Schnappatmung und unkontrollierbare Hyperventilation, ausgelöst über die Hautrezeptoren. Ein britischer Bericht fand 55 Prozent der Todesfälle im Freiwasser innerhalb von 3 Metern zu einem sicheren Ufer. Die Arbeit bewertet zugleich die Evidenz jeder therapeutischen Behauptung und hält fest, dass ein Teil davon auf dem Stand anekdotischer Spekulation bleibt.

Short read

Tipton und Kollegen von der University of Portsmouth und dem Brighton and Sussex University Hospital NHS Trust veröffentlichten diese narrative Übersicht 2017 in Experimental Physiology. Sie war die erste Arbeit, die das ganze Feld der Kaltwasserimmersion behandelt, Gefahr und Anwendung zugleich. Die Evidenz je Anwendungsgebiet bewerten die Autoren nach angepassten SIGN-Kriterien. Die Modalität ist Kaltwasserimmersion, überwiegend im Freiwasser, keine Sauna.

Die Autoren teilen die Immersion in vier Phasen mit eigenen Risiken: die ersten 3 Minuten mit Hautabkühlung und Kälteschock, eine kurzfristige Phase ab 3 Minuten mit oberflächlicher neuromuskulärer Abkühlung, eine langfristige Phase ab 30 Minuten mit Abkühlung des Körperkerns und die Kreislaufschwäche um den Zeitpunkt der Rettung. Am gefährlichsten ist der Kälteschock: Schnappatmung und unkontrollierbare Hyperventilation über die Kälterezeptoren der Haut. Er beginnt schon in 25 Grad warmem Wasser, lässt sich dort aber noch bewusst unterdrücken; im Labor erreichte die Atemantwort ihr Maximum zwischen 15 und 10 Grad und stieg bei 5 Grad nicht weiter. Unterkühlung, definiert als Kerntemperatur unter 35 Grad, ist nicht die Hauptursache der Todesfälle. Nach einem britischen Bericht von 1977 ereigneten sich rund 55 Prozent der tödlichen Unfälle im offenen Wasser weniger als 3 Meter von einem sicheren Ufer entfernt, 42 Prozent weniger als 2 Meter. Für 2012 werden weltweit rund 372.000 Todesfälle durch Immersion geschätzt, 42 pro Stunde und 7 Prozent aller Todesfälle durch unbeabsichtigte Verletzungen.

Eigene Daten oder eine Meta-Analyse enthält die Übersicht nicht, und die Evidenzbewertung bleibt eine Einschätzung der Autoren. Die Todesfallzahlen stammen aus Feldberichten verschiedener Jahrzehnte, die weltweite Zahl halten die Autoren selbst für zu niedrig, und alle beschreiben unfreiwillige Immersion im Freiwasser, nicht die beaufsichtigte Anwendung in einem Tauchbecken.

Auf der Anwendungsseite finden die Autoren eine uneinheitliche Evidenz: In den meisten Gebieten gibt es eine nachvollziehbare Begründung, in einigen bleiben die stützenden Daten auf dem Stand anekdotischer Spekulation.